4.9 kmAnsager in den 1950er-Jahren aus Kinderperspektive
Kindheitserinnerungen aus Ansager geben einen konkreten lokalen Hintergrund für das soziale Milieu der Heimat.
Dieser Stopp handelt von der großen Amerikaauswanderung aus der Gegend um Skovlund/Ansager. Hier werden die großen Zahlen weniger abstrakt: Junge Menschen aus ländlichen Gegenden brachen auf, verließen das Vertraute und nahmen Kurs auf die USA und die Präriegebiete unter anderem in South Dakota und Montana.
Die Auswanderung war nicht nur Abenteuerlust. Sie hing mit einem sich verändernden Dänemark zusammen, in dem viele die Landwirtschaft verließen und die Möglichkeit auf Land in Nordamerika stark lockte. Für einige wurde die Reise nach Amerika zur Chance, sich etwas Eigenes aufzubauen; für andere bedeutete sie auch die Begegnung mit Distanz, Entbehrung, Krankheit und Heimweh.
Die Geschichte von Anna und Johannes aus der Gegend um Ansager gibt der Auswanderung ein Gesicht. Ihre Reise führt von Dänemark über den Atlantik und weiter zu dänischen Gemeinschaften auf der Prärie, wo der Traum von Land und einem neuen Leben unter harten Bedingungen auf die Probe gestellt wurde.
Die alten Auswandererprotokolle zeigen, wie konkret sich eine solche Reise nachverfolgen lässt: Name, Alter, Stellung, Wohnort, Geburtsort, Zielort und Datum des Reisevertrags. Ein Amerika-Traum kann daher als lokale Erzählung beginnen und als Zeile in einem Archiv enden – mit einem ganzen Leben dazwischen.
Anna Poulsen Vad und Jens Johannes Christensen Bank reisten 1905 als Unverheiratete aus der Gegend von Ansager aus. Sie verließen Liverpool am 25. Februar mit der RMS Caronia und kamen am 6. März über Ellis Island in den USA an.
Die Reise war nicht ganz ins Blaue hinein: Die Passagierliste nannte Johannes’ Bruder Jens Christensen in Volin, South Dakota, als Ziel. Für Anna stand dieselbe Adresse mit der Beziehung „brother-in-law“. Der Amerika-Traum begann also mit Dampfschiff, schriftlichen Spuren und einem konkreten Ort, an dem man in Gedanken an Land gehen konnte.
Am 14. März 1906 heirateten Anna und Johannes in Irene, der Nachbarstadt von Volin in South Dakota, wo sie lebten. Das Gebiet war keineswegs zufällig dänisch: Viele skandinavische, vor allem dänische Einwanderer hatten sich hier gegen Ende des 19. Jahrhunderts niedergelassen.
Kurz darauf erwartete Anna das erste Kind des Paares. Gleichzeitig fand Johannes eine Anzeige in der dänischsprachigen Zeitung Dannevirke über eine neue dänische Kolonie im Westen. Eine Hochzeit in Irene wurde damit auch zum Beginn des nächsten Aufbruchs hinaus auf die Prärie.
Dagmar im Nordosten von Montana wurde 1906 als dänische Kolonie gegründet. Johannes Christensen gehörte zu den sieben Männern, die nach Westen zogen, als der vorgesehene Ort in North Dakota bereits vergeben war.
Jeder Mann nahm einen Landanspruch von 160 Acres auf. Für Anna und Johannes bedeutete der Traum von kostenlosem Land ein Leben weit entfernt von Arzt, Schule, Kirche und Kaufmann. Die Kolonie bekam jedoch bald eine Schule, und der Unterricht fand sowohl auf Dänisch als auch auf Englisch statt.
1909 erkrankte Jens Johannes Christensen schwer in der dänischen Kolonie Dagmar in Montana. Die Quellen sind sich nicht ganz über Monat und Todesursache einig, doch der Todesfall traf eine noch sehr junge Siedlung, in der Anna als 29-Jährige mit zwei kleinen Kindern, einem Bauernhof und einem weiteren Kind unterwegs zurückblieb.
Der Friedhof war noch nicht angelegt worden, obwohl die Frage bereits erörtert worden war. Johannes wurde damit zu einem der ersten, die seine Notwendigkeit deutlich machten.
Im Herbst 1909 erreichte ein Brief von Anna Dänemark: Sie war in Schwierigkeiten geraten und brauchte Hilfe. Ihr 16-jähriger kleiner Bruder Ingvard wurde in die USA geschickt und überquerte den Atlantik mit der S/S Hellig Olav.
Anna stand mit drei Kindern allein da, nachdem Jens Johannes als Farmer in der dänischen Kolonie Dagmar in Montana an Typhus gestorben war. Der Hof wurde verkauft, und am 20. Mai 1910 kehrte die kleine Familie nach Dänemark zurück.